Finanzkompetenz

«Die tugendhaften Handlungen sind werthaft und erfolgen wegen des Werthaften. So wird auch der Freigebige wegen des Werthaften geben und auf richtige Weise und zwar, wem er soll, wieviel er soll und wann er soll, und so fort, wie es eben zum richtigen Geben gehört.» – Aristoteles

Ein wichtiger Aspekt der Arbeit der Wirtschaftskonferenz des Goetheanum beinhaltet die Frage nach dem Was, Weshalb, Wie und Wann des Finanz- und Wirtschaftsunterrichts. Im Jahr 2005 wurde von Teilnehmern der Wirtschaftskonferenz ein weltweites Projekt initiiert, um diejenigen Menschen zusammenzubringen, die in Waldorfschulen, Finanz- und Wirtschaftskunde auf Sekundarstufe unterrichten. So haben sich mehrere Teilnehmer der Wirtschaftskonferenz mit diesen Fragen auseinandergesetzt, unter anderem Arthur Edwards in England und Daniel Osmer in den Vereinigten Staaten. Sowohl Edwards wie Daniel erprobten ihre Unterrichtskonzepte auf der Sekundarstufe, die sie zuvor aufgrund ihrer Forschung zu den Grundlagen einer zeitgemässen Finanzkompetenz entwickelt hatten.

Das Ziel der Wirtschaftskonferenz war es, mehrere Treffen für diejenigen zu organisieren, die auf diesem Gebiet aktiv sind. Das erste Treffen fand im Juli 2005 in London statt. Seither erfolgten weitere Treffen in verschiedenen Regionen der Welt,unter anderem in Australien, Neuseeland, Brasilien, England und Argentinien, immer mit Blick darauf, ein kohärenteres Verständnis dieser Thematik in Waldorf- und Staatsschulen zu fördern.

Im Februar und Oktober 2014 konnte eine Reihe von Fortbildungen am Seminar für Waldorfpädagogik in Mannheim organisiert werden. Seit 2013 steht dieses Thema nun auf dem Programm der jährlichen Treffen der Wirtschaftskonferenz, zusammen mit dem Projekt «Youth Bonds» zur Finanzierung von Initiativen junger Erwachsener.

Assoziative Finanzkompetenz 

Im Mai 2013 fand an der Saïd Business School, Oxford University in England eine Konferenz zur Zukunft der Finanzwelt statt, um über die Ursachen der globalen Finanzkrise von 2008 zu diskutieren und was in Zukunft anders gemacht werde könnte. Am ersten Tag wurde erörtert, wie es zu dieser Krise gekommen ist. Der zweite Tag begann mit einer Podiumsdiskussion, die von einem Teilnehmer der Wirtschaftskonferenz, Christopher Houghton Budd, moderiert und mit dem Zitat von Aristoteles (siehe oben) eingeleitet wurde. Die Konferenz endete mit einer ausschliesslich von Frauen besetzten Podiumsdiskussion zum Thema ‘Finanzkompetenz für junge Menschen’. Das Fazit dieser Diskussion war, dass Finanzkompetenz bereits im Jungendalter gelehrt werden sollte, damitdie heute weit verbreitete mangelnde Kenntnis im Bereich von Geld und Finanzen überwunden werden kann. 

Von dort führte ein direkter Weg zum hier beschriebenen Projekt ‘Assoziative Finanzkompetenz’. Mittels zwei Artikel – «In the Shoes of Luca Pacioli», erschienenen im «Internationalen Handbuch für Finanzkompetenz» des Springer Verlags, und dem bei einem Forschungstreffen der OECD eingereichten Artikel «Money is Bookkeeping – The Key to Effective Financial Literacy» – stellten Christopher Houghton Budd und Fionn Meier die Idee einer assoziativen Finanzkompetenz in den Kontext der heutigen akademischen und gesellschaftspolitischen Debatte. Die genannten Artikel unterstreichen die Wichtigkeit einer weltweiten finanziellen Allgemeinbildung auf der Sekundarstufe. 

Finanzkompetenz (engl. `Financial Literacy`) ist heute tatsächlich dabei, Bestandteil der allgemeinen Schulbildung zu werden. Die Frage, die sich hiermit stellt, ist jedoch, welches Grundverständnis von Geld gelehrt werden soll? Etwa, wie heute üblich, als ein Ding, das selber einen Wert hat, das man besitzen kann und einem Macht über die ‘reale’ Wirtschaft verleiht? Wird sich dadurch jedoch etwas anderes verändern, als bloss, dass die Menschen immer früher lernen, das gegenwärtige ‘Finanzsystem’, welches sich als fehlerhaft erwies, zu ihrem Nutzen zu gebrauchen? 

Finanzkompetenz in assoziativem Verständnis weist dem Geld eine andere Bedeutung zu. Anstatt Geld als ein Ding zu betrachten, welches innerhalb der Wirtschaft zirkuliert, wird Geld als ein Spiegel des Wirtschafts-lebens verstanden. Das Wichtigste, was es reflektiert - oder reflektieren sollte - sind richtige PreiseDafür ist jedoch eine differenziertere Betrachtungsweise als heute üblich notwendig. Die drei Funktionen des Geldes sind neu als drei Arten des Geldes zu betrachten: Kaufgeld, Leihgeld und Schenkungsgeld. Dadurch wird es möglich, Geld als eine moderne Form der Buchhaltung wahrzunehmen – als eine fluktuierende Weltbuchhaltung. 

Im Kern ist dies die Geschichte, die diejenigen, die das Thema Geld und Finanzen unterrichten, ihren Schülern und/oder Studenten nicht vorenthalten dürfen. Solcher Unterricht hat das Potenzial, die Weltfinanzkrise in ein Weltfinanzbewusstsein zu transformieren.

Nach Abschluss und Veröffentlichung seiner Masterarbeit zum Thema ‘Geld als Buchhaltung’ (siehe Money as Accounting’) wurde es Fionn Meier, Mitglied der Wirtschaftskonferenz, im Rahmen eines Forschungsprojekts der Wirtschaftskonferenz ermöglicht, die vorhandene deutschsprachige Literatur zusammenzutragen, die das Thema `Doppelte Buchhaltung` im Zusammenhang mit der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners behandeln und diese in gekürzter Form auf Englisch zu veröffentlichen (siehe Perspectives in Finance). Zusammen tragen diese Texte zu einer wesentlichen und modernen Grundlage für heutige Erzieherinnen und Erzieher bei.

Botschafter für Jugend-Finanzkompetenz

Für das Jahr 2019 wurde Fionn Meier für das Amt ‘Botschafter für Jugend-Finanzkompetenz’ angefragt. Dieses nahm er an und wurde unter dem Titel ‘Finanzkenntnis für das 21. Jahrhundert’ tätig. Auf assoziative Weise von mehreren Institutionen und privaten Personen für ein Jahr finanziert und zusammen von Christopher Houghton Budd (als Koordinator der Wirtschaftskonferenz) und Florian Osswald (als Co-Leiter der Pädagogischen Sektion) mentoriert, fokussierte das Projekt auf praktische Unterrichtsprojekte in Deutschland und in der Schweiz, mithilfe derer konkrete Unterrichtsinhalte und Lehrplanvorschläge erarbeitet werden konnten. Ein Bericht für einen exemplarischen Unterricht in einer 9. Klasse mit dem Titel «Entdeckungsreise in die Welt der Finanzen», ist im Magazin der Steinerschulen Schweiz im Herbst 2019 veröffentlicht worden.

Nächste Schritte: Forschungsprojekt 2020-2023

Um die Erziehungskunst und die Wissenschaft von Geld, Finanzen und Unternehmertum näher zusammen zu bringen, werden die Wirtschaftskonferenz des Goetheanums und die Pädagogische Sektion der Freien Hochschule weiter kooperieren und in den Jahren 2020-2023 eine Reihe von Forschungskolloquien am Goetheanum in Dornach, Schweiz durchführen. (Link zum Flyer)

Eine Teilnahme ist für all jene möglich, die im Bereich des Wirtschaftsunterrichts tätig sind, ob als Lehrperson, in der Schulleitung einer privaten oder staatlichen Schule oder in einer anderen Verantwortungsposition im Schulwesen. Die Absicht ist, dass die in diesem Gebiet tätigen Menschen, basierend auf geisteswissenschaftlichen Forschungsresultaten, eine gemeinsame Sichtweise entwickeln, wie Finanz- und Wirtschaftskunde unterrichtet werden können und wie dieser Unterricht in Einklangmit der Organisationform und der Finanzierung der eigenen Schule oder anderer Organisationen gebracht werden kann. 

Bei Interesse an diesem Thema oder dem Forschungsprojekt 2020-2023 können Sie uns gerne via E-Mail mit dem Betreff ‘Finanzkompetenz’ kontaktieren, via: economics[at]goetheanum.org